Bewusste Kommunikation: von „aber" zu „und"

In English: Conscious Communication: from ‘but’ to ‘and’

Sprache ist vielleicht die umfassendste Form des Ausdrucks, die wir haben. Sie ist das alltägliche Gefährt, durch das unsere innere Welt nach außen reist – und eines der wichtigsten Werkzeuge, die wir haben, um Beziehungen zu formen und zu pflegen. Durch Sprache drücken wir unsere Gefühle aus, unsere Bedürfnisse, unsere Grenzen, unsere Wertschätzung und unsere Liebe. Sie überbrückt das, was wir innerlich erleben, und das, was der andere wahrnehmen und verstehen kann.

Ich bin sicher, dass du die Kraft von Worten – und der Wahl, die wir innerhalb von ihnen haben – in deinem eigenen System gespürt hast, durch all deine Lebenserfahrungen hindurch. Wo ein Wort und die Art, wie es ausgedrückt wird, heilen kann, kann ein anderes verletzen. Das ist nicht immer ein bewusster Prozess – weder für uns selbst noch für andere. Kleine Sprachmuster, oder auch nur ein einziges kleines Wort – Dinge, die wir persönlich kaum wahrnehmen – können vollständig verändern, wie etwas im Körper eines anderen Menschen landet, aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen, kultureller Interpretation oder etwas Unbewusstem in ihnen. Ein Satz kann dem anderen metaphorisch die Hand entgegenstrecken – oder sich zur Faust schließen. Worte können tiefere Verbindung einladen, oder sie vollständig verschließen. Eine Sprachwahl kann ein Gefühl von Sicherheit, Neugier und Verständnis erzeugen. Oder sie kann Abwehr und Distanz schaffen.

Wenn wir das in unser Bewusstsein bringen, lädt es uns ein klarer zu werden wie wir Sprache nutzen, um die Energie, die wir in die Welt tragen möchten auch tatsächlich zum Ausdruck zu bringen. Selbst die kleinste Verschiebung in der Sprache kann unglaublich kraftvoll sein – wenn sie mit bewusster Intention geschieht.

Dieser Blogpost ist eine Zusammenfassung des Videos, das du auf Unfold in der Kategorie “Beyond the Shape” findest, mit deutschen Untertiteln.

Für mich persönlich ist eine dieser kleinen Veränderungen – eine, die wirklich verändert hat, wie ich kommuniziere und wie sich meine Beziehungen anfühlen – das Ersetzen des Wortes „aber" durch das Wort „und". Seitdem ich das in mein Leben integriert habe, hat sich so viel geshiftet.

Vom „aber" zum „und" zu wechseln ist eine scheinbar einfache, und dennoch kraftvolle Möglichkeit, den gesamten Verlauf eines Gesprächs zu verwandeln.

Möchtest du es ausprobieren?

Ich lade dich ein, dich mit deinem Körper und deinen Sinnen zu verbinden und zu spüren, wie es sich anfühlt, wenn du Folgendes liest:

  • Du hast das so toll gemacht, aber…

  • Ich liebe dich, aber…

  • Was du heute gesagt hast stimmt, aber…

Wie fühlt sich „aber" in deinem Körper an?

Wenn wir uns diesem Wort zuwenden, bemerken wir vielleicht, dass „aber" alles, was davor gesagt wurde, vollständig auslöscht. Es scheint zu vermitteln: Was auch immer vorher gesagt wurde, ist weniger wichtig als das, was jetzt kommt. Es signalisiert Widerspruch – ganz gleich, wie viel Wertschätzung oder Liebe davor ausgedrückt wurde. Dadurch kann es sich sofort aufgeladen und sogar konfrontativ anfühlen. Oft nicht nur für die sprechende Person, sondern auch für die Person, die es empfängt – denn das „aber" versetzt uns häufig in einen defensiven oder schützenden Modus, wegen der Distanz, die dieses Wort zwischen das Gesagte und das eigentlich Gemeinte legt.

Und jetzt beobachte, was passiert, wenn du Folgendes liest:

  • Du hast das so toll gemacht, und…

  • Ich liebe dich, und…

  • Was du heute gesagt hast, stimmt, und…

Wie fühlt sich „und" in deinem Körper an?

Wenn wir bewusst zum „und" wechseln, zeigt uns das, dass wir in der Lage sind, beide Wahrheiten gleichzeitig zu bezeugen und zu halten. Es schließt ein, anstatt auszuschließen. Es ist ein Bekenntnis, in der Verbindung mit dem anderen zu bleiben. Es kommuniziert: Nichts von dem, was ich gerade gesagt habe, muss zurückgenommen werden, damit etwas anderes benannt werden kann.

Diese Art der bewussten Kommunikation bringt die Philosophie des Yoga in unseren alltäglichen Sprachgebrauch. Von „Ich genieße es so sehr, Zeit mit dir zu verbringen aber ich brauche auch etwas Raum" zu „Ich genieße es so sehr, Zeit mit dir zu verbringen und ich bemerke, dass ich auch etwas Zeit für mich brauche um mich aufzutanken" – das ist eine Bewegung von Kontraktion zu Expansion, von Trennung zu Verbindung. Das „und" hält den Energiekanal offen: Es ermöglicht den wechselseitigen Fluss des Gesehen- und Gefühltwerdens, in Bewegung zu bleiben. So verwandeln wir mit dem Wechsel von „aber" zu „und" das Gefühl von ‚dies ist wahr, aber das ist auch wahr' – was sich konfrontativ anfühlt – in ein sanftes ‚dies ist wahr, und das ist auch wahr', das liebevolle Offenheit einlädt.

Ich glaube, wenn wir „aber" durch „und" ersetzen, praktizieren wir Yoga durch Sprache.

Es gibt viele verschiedene yogische Philosophien, die sich im Laufe der Zeit entwickelt haben – zwei davon sind Dualität und Nicht-Dualität. Die Dualität, oder dvaita auf Sanskrit, schenkt uns die Kontraste des Lebens: die Linie zwischen Anstrengung und Leichtigkeit, zwischen Selbst und dem anderen, zwischen Licht und Dunkel. Ebenso trennt sie die materielle Welt und unseren physischen Körper vom Bewusstsein und der Erleuchtung. Die Nicht-Dualität, oder advaita, zeigt uns, dass mehrere Wahrheiten und Seinsweisen gleichzeitig existieren können, ohne einander aufzuheben. Diese ‚Sowohl-als-auch-Haltung' zeigt uns, dass es verschiedene Perspektiven auf die Wirklichkeit gibt – auf das Yoga und auf das Leben.

In der dualen Wahrnehmung sind Geist und Materie getrennt. In unserem Alltag kann sich das wie eine sehr ‚richtig/falsch'-Sichtweise auf die Welt anfühlen. Da bist du, und da bin ich. Meine Wahrheit und deine Wahrheit. Dies und das. Entweder, oder. In dieser Art der Wahrnehmung hat man häufig das Gefühl, dass nur eine Sache gleichzeitig wahr sein kann.

Innerhalb der Nicht-Dualität sind Geist und Materie zwei Aspekte von einem. Das Leben ist ein Verbund aus dem Materiellen und dem Immateriellen, aus Körper und Seele. Es gibt Raum dafür, dass mehrere Wahrheiten gleichzeitig existieren – im selben Moment.

„Und" zu sagen ist daher ein nicht-dualer Akt. Es sagt: Ich muss diesen Moment nicht in zwei teilen. Ich kann dich lieben und mich verletzt fühlen. Ich kann dich verstehen und trotzdem meine eigene Erfahrung benennen.

Ein nicht-duales Gewahrsein – eine Sowohl-als-auch-Haltung – in unsere Sprache zu bringen, und damit in unsere Beziehungen, unser Leben und unser gefühltes Erleben der Wirklichkeit, öffnet uns den Raum, die Wahrheit eines anderen neben unserer eigenen zu sehen. Das gilt in beide Richtungen. Es bedeutet nicht, dass wir falsch liegen, wenn der andere recht hat – oder umgekehrt. Es lädt uns eigentlich ein, das Gefühl von Rechthaberei ganz herauszulassen, und bietet eine viel sanftere Alternative an: dass unsere individuellen Erfahrungen zählen – und dass genug Raum da ist für die großen Unterschiede in der Wahrnehmung, die wir gemeinsam erleben, durch unseren Tag und unser Leben hindurch. Ein einfacher Wechsel von „aber" zu „und" streckt eine sanfte Einladung aus, die sagt: Ich sehe dich, und ich sehe mich auch. Dieses kleine, dreisilbige Wort – und – schenkt ein Gefühl von Sicherheit und lädt dazu ein, tiefer in Verbindung zu gehen – nicht nur mit dem anderen, sondern auch mit dir selbst.

Ich würde mich so freuen, wenn du es heute ausprobierst, und spürst, wie ein Element bewusster Wahrnehmung deiner Sprachwahl in deinem Körper landet.

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